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Homosexualität und psychoanalytische Ausbildung heute

Lange Zeit hinkten psychoanalytische Institutionen und Fachgesellschaften im Diskurs und damit auch in ihrem Selbstverständnis wie in den Ausbildungsordnungen und Satzungen hinterher, ob Homosexualität an sich als ein Symptom einer pathologischen Entwicklung zu verstehen sei oder ob es sich lediglich um eine Variante sexueller Entwicklung handelt.

Zwar wurde 1973 die Homosexualität aus dem Diagnosekatalog der amerikanischen Psychiater (DSM) gestrichen, erst 1992 folgte die WHO in dem in Deutschland gültigen Klassifikationssytem (ICD). An vielen Instituten wurden schwule Bewerber und lesbische Bewerberinnen für die psychoanalytische Ausbildung bis dahin, aber auch später noch, nicht zugelassen, homosexuelle Psychoanalytiker und Psychoanalytikerinnen zu wichtigen Positionen z.B. als LehranalytikerInnen ebenso wenig. Ausbildung und Berufsausübung fanden somit häufig und leidvoll „incognito" statt.

Erst 1991 verabschiedete die Amerikanische Psychoanalytische Vereinigung (APA) als erste psychoanalytische Fachgesellschaft und nach heftigen Kontroversen eine Antidiskriminierungsklausel, die die Ablehnung von Bewerberinnen und Bewerbern allein wegen ihrer sexuellen Orientierung untersagte. 2002 folgte die Internationale Psychoanalytische Vereinigung (IPV) mit einer entsprechenden Stellungnahme. Dennoch blieb auch in den Jahren danach die Situation unübersichtlich: An welchen Instituten herrschte Toleranz gegenüber Homosexualität? War die Streichung der pathologisierenden Passagen aus psychoanalytischen Lehrbüchern Ausdruck einer in der Tiefe veränderten Haltung oder lediglich ein Zugeständnis an einen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel und die ihm folgende veränderte Rechtsprechung? War die Pathologisierung sang- und klanglos verschwunden, ohne dass falsche Annahmen explizit korrigiert und durch neue Konzepte ergänzt worden waren?

An unserem Institut war Homosexualität – soweit es zurückzuverfolgen ist – nie offizielles Zulassungshindernis. Das IPPF galt als ein eher offenes Institut und es gab immer auch Stimmen, die sich explizit gegen diese Form der Pathologisierung stellten. Dennoch wurde auch am IPPF die Thematik lange Zeit kaum offen diskutiert und schwule oder lesbische Aus- und Weiterbildungsteilnehmer konnten nicht wissen, „woran sie sind".
Inzwischen geht der Blick viel weiter. In den analytischen Fachgesellschaften wird mittlerweile über die homosexuelle Entwicklung und spezielle Übertragungskonstellationen publiziert und diskutiert (z.B. M. Ermann , Forum der Psychoanalyse 33, 2017). Die VAKJP widmete ihre Jahrestagung 2017 dem Thema „Sexuelle Identitäten – Vielfältige Herausforderungen". Gruppen, die unter dem Queer-Begriff oder unter dem Kürzel LSBTTIQ (lesbisch-schwul-bisexuell-transsexuell-transgender-intersexuell-queer) zusammengefasst werden, bilden einen Teil unserer Gesellschaft und die psychoanalytische Community befindet sich im Dialog mit der Queer-Theorie. Es liegt im Interesse unseres Institutes, dass heterosexuelle, homosexuelle und queer- Kolleg*innen verstärkt an diesen Themen arbeiten – im Rahmen von Fall- und Theorieseminaren, Diskussionskreisen, Veröffentlichungen – sodass die überwiegend stillschweigend veränderte Haltung der psychoanalytischen Institutionen zunehmend Stimme bekommt, nachvollziehbar und nachlesbar wird.

Der Vorstand des IPPF im Juli 2018